Arbeitszeit neu denken: Was die Debatte um die 4-Tage-Woche für PR & Kommunikation bedeutet
Die 4-Tage-Woche ist kein Rand-Phänomen mehr, sie wird ernsthaft diskutiert – auch hierzulande. Bereits Anfang 2024 startete in Deutschland ein groß angelegtes Pilotprojekt, bei dem rund 45 Unternehmen über sechs Monate lang ein Modell testeten, bei dem Beschäftigte nur vier Tage pro Woche arbeiten, aber 100 % ihres Gehalts behalten und 100 % Leistung erbringen sollen. Dieses sogenannte «100-80-100-Modell» erzeugte erhebliche Aufmerksamkeit, weil 73 % der teilnehmenden Unternehmen ankündigten, das Modell nach dem Testzeitraum fortzusetzen. (Quelle: Intraprenoer)
Warum das gerade jetzt wichtig wird
Deutschland steht im internationalen Vergleich nicht schlecht da, wenn es um Produktivität geht – doch in den letzten Jahren stagnierten Produktivitätskennzahlen. Parallel wächst der Druck durch den Fachkräftemangel. Viele Fachkräfte, gerade aus jüngeren Generationen, setzen Work-Life-Balance ganz oben auf ihre Prioritätenliste. Die 4-Tage-Woche verspricht, beides zu verbinden: höhere Lebensqualität und stabile Wirtschaftskraft. (Quelle: Deutsche Welle)
In anderen Ländern, etwa Großbritannien, zeigen Untersuchungen mit knapp 3.000 Beschäftigten, dass Burnout um bis zu 71 % sank und die Zufriedenheit deutlich stieg, ohne dass Umsätze sanken. (Quelle: AP News)
Was das für Kommunikations-Teams bedeutet
In PR, Corporate Communications oder Content-Marketing stehen Mitarbeitende oft mitten im Workflow, reagieren auf Echtzeit-Anfragen, managen Medienpartnerschaften und planen Kampagnen über Wochen hinweg. Ein reduziertes Zeitmodell stellt hier besondere Herausforderungen – aber auch Chancen:
1. Fokus statt Dauerpräsenz
Kommunikation lebt von klarer Sprache, kreativen Ideen und strategischer Planung. Weniger Tage können bedeuten, dass sich Teams noch stärker auf wirkungsvolle Aufgaben konzentrieren – vorausgesetzt, Prozesse werden entschlackt und Meetings effizienter gestaltet. Studien zeigen, dass viele Unternehmen während ihrer 4-Tage-Woche genau darin bessere Ergebnisse erzielten: weniger Ablenkung, optimierte Abläufe und weniger Zeitverschwendung. (Quelle: 4 Day Week)
2. Employer Branding und Recruiting
PR-Talente, besonders aus der Generation Z und Millennials, erwarten heute mehr als nur ein gutes Gehalt. Flexibilität, Gesundheitsorientierung und Work-Life-Balance zählen zu den entscheidenden Faktoren für oder gegen einen Job. Ein modernes Arbeitszeitmodell kann ein echtes Plus im Recruiting sein – wenn Unternehmen es glaubwürdig leben.
3. Erreichbarkeit und Kund:innenbedürfnisse
Kommunikation bleibt ein Dienstleistungsgeschäft. Kund:innen, Medien oder Zielgruppen erwarten Reaktionsfähigkeit. Ein reduziertes Zeitmodell muss daher strategisch geplant werden – etwa durch rotierende Team-Free-Days, klare Vertretungsregelungen oder technologische Unterstützung.
Nicht nur Jubel: Kritik und Realismus
Trotz vieler positiver Signale bleibt die Debatte kontrovers. Zahlreiche Unternehmen in Deutschland zeigen bislang wenig Bereitschaft, die 4-Tage-Woche einzuführen – laut einer Analyse bewarben im Jahr 2024 gerade einmal 0,12 % der Stellenanzeigen mit einer 4-Tage-Woche. (Quelle: Jobmonitor)
Und einige Arbeitsmarkt-Expert:innen warnen davor, die Ergebnisse aus Pilotprojekten zu verallgemeinern. Sie argumentieren, dass viele Tests eher in dienstleistungsnahen, digitalisierten Bereichen stattfanden und deshalb nicht auf die gesamte Wirtschaft übertragbar sind. Außerdem könne ein allgemeiner Rückgang der Arbeitszeit die gesamtwirtschaftliche Leistung schwächen, wenn nicht parallel Effizienzsteigerungen stattfinden. (Quelle: Deutsche Welle)
Ein Modell, viele Gesichter
Am Ende zeigt die aktuelle Debatte: Die 4-Tage-Woche ist kein Allheilmittel, aber ein kraftvoller Impuls. Für die Kommunikationscommunity kann sie ein Weg sein, Familienfreundlichkeit und Innovationskraft zu verbinden, Kreativität zu schützen und gleichzeitig Prozesse zu hinterfragen. Sie zwingt dazu, nicht nur darüber nachzudenken, wie viel Zeit, sondern auch, wie gute Arbeit entsteht– und das könnte gerade für Teams, die Sprache, Botschaften und Wahrnehmung gestalten, eine spannende Entwicklung sein.





