Das Wissen, das nicht im Organigramm steht

Montagmorgen, 9:00 Uhr.
Ein neues Projekt startet, das Team sitzt zusammen, motiviert, gut vorbereitet. Nach wenigen Minuten stellt jemand die entscheidende Frage:
„Hat das schon mal jemand gemacht?“

Kurze Stille.
Dann sagt jemand: „Ja – aber der Kollege, der das damals betreut hat, ist letztes Jahr in Rente gegangen.“

Was fehlt, ist kein Dokument.
Was fehlt, ist Erfahrung.

Der demographische Wandel vollzieht sich leise. Ohne große Ankündigung. Aber mit spürbaren Folgen. Jahr für Jahr scheiden erfahrene Mitarbeitende aus dem Berufsleben aus – vor allem aus der Generation der Babyboomer. Mit ihnen gehen jahrzehntelang aufgebautes Fachwissen, eingespielte Routinen, Netzwerke und ein tiefes Verständnis für das „Warum“ hinter vielen Entscheidungen.

Das Problem: Dieses Wissen taucht selten in Stellenbeschreibungen oder Prozessen auf. Es steckt in Köpfen – und in Geschichten.

Viele Unternehmen reagieren erst dann, wenn erste Lücken sichtbar werden: längere Einarbeitungszeiten, wiederholte Fehler, Unsicherheit bei Entscheidungen. Oft wird dann versucht, Wissen schnell zu dokumentieren. Doch das greift zu kurz.

Denn Erfahrung lässt sich nicht einfach übergeben wie ein Ordner.
Sie entsteht im Austausch, im gemeinsamen Arbeiten, im Dialog zwischen den Generationen.

Generationenmanagement bedeutet, die Zusammenarbeit verschiedener Altersgruppen bewusst zu gestalten – mit dem Ziel, Wissen zu sichern und weiterzuentwickeln.

Babyboomer bringen Stabilität, Erfahrung und tiefes Organisationswissen ein.
Jüngere Generationen stehen für neue Denkweisen, digitale Kompetenz und Veränderungsbereitschaft.

Erfolgreicher generationsübergreifender Wissensaustausch gelingt dort, wo Begegnung möglich ist:
- Tandem- oder Patenschaftsmodelle
- Mentoring in beide Richtungen
- Gemischte Projektteams
- Raum für Geschichten und Erfahrungsaustausch

So wichtig Tools und Prozesse auch sind – sie funktionieren nur in einer Kultur der Wertschätzung.

Der demographische Wandel ist unausweichlich.
Der Wissensverlust nicht.

Denn das wichtigste Wissen steht selten im Organigramm.
Aber es entscheidet darüber, wie zukunftsfähig ein Unternehmen wirklich ist.